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Eleftherios Venizelos
Harris & Ewing · Public domain · Wikimedia Commons

B2Neugriechenland · Staatsmann

Eleftherios Venizelos

Ελευθέριος Βενιζέλος

1864 – 1936 · Mournies (Chania), Kreta; Athen; Paris

Eleftherios Venizelos (Ελευθέριος Βενιζέλος, 1864–1936) war zwischen 1910 und 1933 siebenmal Ministerpräsident Griechenlands und der beherrschende griechische Politiker des 20. Jahrhunderts. Im osmanischen Kreta geboren, führte er die Vereinigung der Insel mit Griechenland herbei, verdoppelte in den Balkankriegen 1912–13 fast das Staatsgebiet, spaltete das Land im Nationalen Schisma und handelte nach der Kleinasiatischen Katastrophe den Vertrag von Lausanne aus. Die Griechen teilen das Jahrhundert noch heute in «vor Venizelos» und danach.

Leben

Venizelos wurde am 23. August 1864 in Mournies geboren, einem Dorf bei Chania, als Kreta noch eine osmanische Provinz war. Er studierte Jura in Athen und kehrte als Anwalt und Journalist nach Chania zurück. Im 1898 geschaffenen autonomen Kretischen Staat war er Justizminister, überwarf sich mit dessen Herrscher Prinz Georg und führte 1905 den bewaffneten Aufstand von Therisos an, der den Prinzen zum Abzug zwang und Venizelos zum führenden Mann der Insel machte.

1909 inszenierten griechische Offiziere den Putsch von Goudi und luden den kretischen Außenseiter nach Athen ein. Er kam 1910, gewann die Wahlen und wurde im Oktober Ministerpräsident. Reformen folgten im Eiltempo: eine revidierte Verfassung 1911, Arbeitsgesetze, ein neu aufgebautes Heer und eine neue Flotte. Dann schmiedete er den Balkanbund, und in den Balkankriegen 1912–13 gewann Griechenland Thessaloniki, Ioannina, Makedonien, Epirus, Kreta und die Inseln der östlichen Ägäis und wuchs von 2,7 auf 4,8 Millionen Einwohner.

Der Erste Weltkrieg brachte ihn gegen König Konstantin I. auf, der auf Neutralität bestand, während Venizelos der Entente beitreten wollte. Er trat 1915 zweimal zurück, bildete 1916 in Thessaloniki eine Gegenregierung und kehrte 1917 an die Macht zurück, nachdem der König zum Verlassen des Landes gezwungen worden war. Dieses Εθνικός Διχασμός (Nationales Schisma) vergiftete die Politik für Jahrzehnte. Der Vertrag von Sèvres (1920) brachte Smyrna, doch er verlor die Wahlen im November 1920, und der Kleinasienfeldzug endete in der Katastrophe von 1922. 1923 unterzeichnete er den Vertrag von Lausanne, regierte 1928–32 erneut und floh nach einem gescheiterten Putsch seiner Anhänger 1935 nach Paris, wo er am 18. März 1936 starb.

Werk

Die Leistungen von Venizelos sind Verträge, Reformen und Grenzen. Die Verfassung von 1911 modernisierte den griechischen Staat, und seine erste Regierung verabschiedete die erste Sozialgesetzgebung. Die Balkankriege, vorbereitet durch seine Diplomatie und das Bündnis mit Serbien, Bulgarien und Montenegro, sind der Grund, warum Thessaloniki, Kreta und Ioannina heute griechisch sind.

Der im August 1920 unterzeichnete Vertrag von Sèvres war der Höhepunkt der Μεγάλη Ιδέα (Große Idee), des Traums von einem Griechenland, das alle Griechen des Ostens umfasst: Er sprach Griechenland Ostthrakien und die Region Smyrna zu, «das Griechenland der zwei Kontinente und fünf Meere». Binnen drei Jahren war er tot. Sein dauerhaftestes Werk war das Gegenteil von Sèvres: der Vertrag von Lausanne vom Juli 1923, der die griechisch-türkische Grenze am Evros festlegte und mit dem im Januar 1923 vereinbarten Bevölkerungsaustausch rund 1,2 Millionen orthodoxe Christen aus der Türkei nach Griechenland und etwa 400.000 Muslime in die andere Richtung umsiedelte. Die Ansiedlung der Flüchtlinge in neuen Vierteln rund um Athen, Piräus und Thessaloniki veränderte die griechische Gesellschaft, ihre Musik und ihre Küche.

Seine Regierung von 1928–32 baute Straßen und Schulen, legte die Sümpfe Makedoniens trocken und schloss 1930 ein Freundschaftsabkommen mit der Türkei Kemal Atatürks, das ein Jahrhundert des Krieges zwischen beiden Nationen beendete; 1934 schlug Venizelos Atatürk für den Friedensnobelpreis vor. Er war ein brillanter Parlamentsredner und Verhandler, der die Staatsmänner in Paris und London in fließendem Französisch und Englisch bezauberte; Lloyd George nannte ihn den größten Staatsmann, den Griechenland seit Perikles hervorgebracht habe.

Nachwirkung im heutigen Griechenland

Wer nach Griechenland reist, landet meist auf dem Internationalen Flughafen Athen «Eleftherios Venizelos», der 2001 eröffnet wurde, und die Hauptstraße im Zentrum Athens, Panepistimiou, heißt offiziell Ελευθερίου Βενιζέλου, ebenso wie eine Straße in fast jeder griechischen Stadt. Sein Haus im Stadtteil Chalepa in Chania ist ein Museum, das von der nach ihm benannten Nationalen Forschungsstiftung betrieben wird, und das Venizelos-Museum im Eleftherias-Park in Athen bewahrt das Haus, in dem er lebte; sein Grab und das seines Sohnes Sophoklis liegen auf dem Hügel Profitis Ilias auf Akrotiri oberhalb von Chania, mit Blick über die Bucht. Griechische Geschichtsbücher widmen seinen Jahren ein eigenes Kapitel, und die Wörter βενιζελικός und αντιβενιζελικός, venizelistisch und antivenizelistisch, beschreiben noch heute die politische Tradition einer Familie. Die B1-Hörübung der Website zu einer Geschichtsstunde ist eine gute Gelegenheit, diese Ereignisse auf Griechisch erzählt zu hören.

Wussten Sie schon?

  • Er wurde als osmanischer Untertan geboren und lebte erst mit fünfundvierzig Jahren in Athen; wenige Monate nach seiner Ankunft war er Ministerpräsident.
  • Er überlebte zwei Attentate: im August 1920 am Gare de Lyon in Paris, wenige Tage nach der Unterzeichnung des Vertrags von Sèvres, und im Juni 1933 auf der Straße nach Kifisia, als seine Frau Helena verletzt wurde.
  • 1934 schlug er Mustafa Kemal Atatürk, den Mann, der 1922 die griechische Armee besiegt hatte, für den Friedensnobelpreis vor.
  • Nach seinem Tod in Paris wurde sein Leichnam per Schiff direkt nach Kreta gebracht, an Athen vorbei, um Zusammenstöße zwischen Anhängern und Gegnern zu vermeiden.

Hauptwerke

Griechischer TitelTitelJahr
Επανάσταση του ΘερίσουAufstand von Therisos auf Kreta1905
Αναθεώρηση του ΣυντάγματοςRevision der griechischen Verfassung1911
Βαλκανικοί ΠόλεμοιBalkankriege1912–13
Συνθήκη των ΣεβρώνVertrag von Sèvres1920
Συνθήκη της ΛωζάννηςVertrag von Lausanne1923
Ελληνοτουρκικό Σύμφωνο ΦιλίαςGriechisch-türkisches Freundschaftsabkommen mit Atatürk1930

Ein Satz zum Merken

Η Ελλάς των δύο ηπείρων και των πέντε θαλασσών

I Ellas ton dyo ipeiron kai ton pente thalasson

Das Griechenland der zwei Kontinente und der fünf Meere

The phrase that summed up Venizelos' Greece after the Treaty of Sèvres (1920)

Im Original

Der Text, wie Eleftherios Venizelos ihn geschrieben hat, gemeinfrei, mit unserer eigenen Übersetzung daneben.

«Θουκυδίδου Ἱστορίαι, μετάφρασις Ἐλευθερίου Βενιζέλου»Thukydides, Geschichte, übersetzt von Venizelos

Hier spricht nicht eine Rede, sondern Venizelos’ eigene Prosa: In den Jahren außerhalb des Amtes übersetzte er den ganzen Thukydides, und dies ist das Bild der athenischen Demokratie aus der Gefallenenrede des Perikles, wie der Staatsmann es in das Griechisch seiner Zeit übertrug.

Ζώμεν τωόντι υπό πολίτευμα, το οποίον δεν επιζητεί ν' αντιγράφη τους νόμους των άλλων, αλλ' είμεθα ημείς μάλλον υπόδειγμα εις τους άλλους παρά μιμηταί αυτών. Και καλείται μεν το πολίτευμά μας δημοκρατία, λόγω του ότι η κυβέρνησις του κράτους ευρίσκεται όχι εις χείρας των ολίγων, αλλά των πολλών. Αλλά δια μεν των νόμων ασφαλίζεται εις όλους ισότης δικαιοσύνης δια τα ιδιωτικά των συμφέροντα, ενώ υπό την έποψιν της κοινής εκτιμήσεως, έκαστος πολίτης προτιμάται εις τα δημόσια αξιώματα, όχι διότι ανήκει εις ωρισμένην κοινωνικήν τάξιν, αλλά δια την προσωπικήν του αξίαν, εφόσον διακρίνεται εις κάποιον κλάδον. Ούτε, εξ άλλου, εκείνος που είναι πτωχός, ημπορεί όμως να προσφέρη υπηρεσίας εις την πόλιν, ευρίσκει εμπόδιον εις τούτο, ένεκα της κοινωνικής του αφανείας. Και όχι μόνον εις τον δημόσιόν μας βίον πολιτευόμεθα με πνεύμα ελευθέριον, αλλά και εις την αναμεταξύ μας καθημερινήν επικοινωνίαν είμεθα ελεύθεροι καχυποψίας, διότι δεν αγανακτούμεν εναντίον των άλλων δι' όσα πράττουν χάριν της ευχαριστήσεώς των, ούτε προσλαμβάνομεν απέναντί των φυσιογνωμίαν σκυθρωπής αποδοκιμασίας, η οποία δεν ζημιώνει αληθώς, πληγώνει όμως.Wir leben in der Tat unter einer Verfassung, die nicht danach strebt, die Gesetze anderer nachzuahmen; vielmehr sind wir selbst eher ein Vorbild für andere als ihre Nachahmer. Unsere Verfassung heißt Demokratie, weil die Regierung des Staates nicht in den Händen weniger, sondern der vielen liegt. Während aber durch die Gesetze allen gleiches Recht in ihren privaten Angelegenheiten gesichert ist, wird im Hinblick auf das öffentliche Ansehen jeder Bürger für die öffentlichen Ämter nicht deshalb vorgezogen, weil er einer bestimmten Gesellschaftsschicht angehört, sondern wegen seines persönlichen Werts, sofern er sich auf irgendeinem Gebiet auszeichnet. Ebenso wenig findet, wer arm ist, der Stadt aber Dienste leisten kann, darin ein Hindernis wegen seiner gesellschaftlichen Unscheinbarkeit. Und nicht nur in unserem öffentlichen Leben verhalten wir uns in freiheitlichem Geist, sondern auch im täglichen Umgang miteinander sind wir frei von Argwohn, denn wir entrüsten uns nicht über andere wegen dessen, was sie zu ihrem Vergnügen tun, und setzen ihnen gegenüber auch nicht jene Miene mürrischer Missbilligung auf, die zwar keinen wirklichen Schaden anrichtet, aber dennoch verletzt.

Thucydides 2.37 (Pericles' Funeral Oration) in Venizelos' translation, written in the 1920s and published in 1940 · Gemeinfreier Text, Quelle: el.wikisource.org

B2

Über Eleftherios Venizelos auf Griechisch lesen (B2)

Wörter aus dem Text

  • Reich, Imperium
  • König
  • Vereinigung, Union
  • Ministerpräsident
  • Verfassung
  • Fläche, Ausdehnung
  • Vertrag
  • Grenzen

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