Gleiches Wort, neue Aufgabe
Griechische Wörter können sehr lange leben. Ihre Schreibung bleibt oft fast gleich, aber ihre Bedeutung kann wandern. Nimm σχολή. Für Platon und Aristoteles bedeutete das Wort vor allem freie Zeit, die Stunden, in denen man nicht arbeiten musste. Heute studiert ein griechischer Student an einer σχολή einer Universität, etwa der Ιατρική Σχολή, der medizinischen Fakultät, und ein Kind geht ins σχολείο, in die Schule.
Oder nimm ἐκκλησία. In den antiken Städten war das die Versammlung aller Bürger. Heute heißt εκκλησία Kirche. Wenn ein Gottesdienst zu Ende ist, können Griechen sagen: «Σχόλασε η εκκλησία», „die Kirche ist aus“. Dieser kurze Satz enthält zwei unserer Wörter: Das Verb σχολώ, „Feierabend machen“, gehört zur selben Wortfamilie wie σχολή.
Wie ändert sich eine Bedeutung? Menschen verwenden ein Wort für etwas, das der alten Bedeutung nahe ist, und der neue Gebrauch setzt sich langsam durch. Die ἐκκλησία war eine Gruppe zusammengerufener Menschen. Die Christen verwendeten das Wort für ihre Gemeinde und später für ihr Gebäude. Ein Wort kann also vertraut aussehen und dich trotzdem überraschen.
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Was bedeutet dieses Wort?
σχολή, πομπή, ιδιώτης: drei verschiedene Geschichten
σχολή. Das Wörterbuch Liddell-Scott-Jones (LSJ) beginnt mit „Muße“; Aristoteles zitiert das Sprichwort οὐ σχολὴ δούλοις, „keine Muße für Sklaven“ (Politik 1334a). Dann ging das Wort auf das über, wofür man die Muße nutzte: das gelehrte Gespräch, den Vortrag und danach die Gruppe der Zuhörer. Die heutige Bedeutung „Fakultät“ wurde vom französischen faculté und vom deutschen Fakultät geprägt. Der alte Sinn lebt im volkstümlichen σχόλη weiter, einem arbeitsfreien Tag.
πομπή. Von πέμπω, „ich schicke“: Bei Homer bedeutete es Geleit, dann feierlicher Umzug (Herodot 5,56, Thukydides 6,56). Die gehobene Bedeutung lebt noch: «η πομπή του Επιταφίου», die Karfreitagsprozession. In der Volkssprache sind πομπές, meist im Plural, Schandtaten. Das antike πομπεύω konnte schon „mit derben Späßen beschimpfen“ bedeuten (Demosthenes 18,124), denn solche Späße gehörten zu manchen Festumzügen. Im mittelalterlichen Griechisch hieß es, jemanden zum öffentlichen Spott herumzuführen, und das Wörterbuch von Triantafyllidis leitet die Bedeutung „Schande“ davon ab. Ob die antiken Späße dorthin führten, sagt es nicht.
ἰδιώτης. Von ἴδιος, „eigen“: eine Privatperson im Gegensatz zum Amtsträger (Herodot 1,59) oder ein Laie im Gegensatz zum Fachmann, «ἰατρὸς καὶ ἰδιώτης» (Thukydides 2,48). Das LSJ nennt auch „Unwissender“ (Demosthenes 4,35). Im Griechischen hat sich die Hauptbedeutung kaum bewegt: ιδιώτης ist immer noch eine Privatperson, «Κράτος και ιδιώτες», „Staat und Privatleute“. Der psychiatrische Begriff ιδιώτης kam aus dem französischen idiot, von lateinisch idiota, das selbst aus ἰδιώτης stammt.
Spaltungen, Verschiebungen und langsames Abdriften
Manchmal spaltet sich ein Wort in zwei. Das antike δουλεία bedeutete Sklaverei. Im mittelalterlichen Griechisch verschmolzen die letzten Vokale zu einer Silbe, und das Ergebnis, δουλειά, bedeutet heute Arbeit oder Job. Die gelehrte Form δουλεία behielt den alten Sinn. Das Neugriechische hat also beide, und das Wörterbuch spielt mit dem Paar: «Η δουλειά όταν καταπιέζει τον εργαζόμενο γίνεται δουλεία», „Arbeit, die den Arbeitenden unterdrückt, wird zur Sklaverei“. Das LSJ verzeichnet für δουλεία in der Septuaginta auch „Dienst gegen Lohn“.
Manchmal verengt sich ein Wort. ἄγαλμα war bei Homer Zierde oder Freude, dann ein Geschenk, das den Göttern gefiel, dann die Statue eines Gottes (Herodot 1,131) und schließlich jede Statue (Platon, Menon 97d). Heute ist άγαλμα nur noch eine Statue: Die älteren Bedeutungen sind aus dem Alltagswort verschwunden.
Manchmal wandert ein Wort zu etwas ganz Neuem. καιρός war das rechte Maß und dann der entscheidende Augenblick. Die Bedeutung Zeitabschnitt ist hellenistisch, die Bedeutung Wetter mittelalterlich: «Τι καιρό κάνει;», „Wie ist das Wetter?“ Ähnlich geht ψάρι auf ὀψάριον zurück, eine Verkleinerung von ὄψον, einer gekochten Speise, die man zum Brot aß. In hellenistischer Zeit bekam es die Bedeutung Fisch, später verdrängte es ἰχθύς aus der Alltagssprache.
Wörterbücher datieren solche Veränderungen meist nach Epochen, nicht nach Jahren, denn eine neue Bedeutung wird erst festgehalten, wenn die Menschen sie schon verwenden.
Bedeutungen aus dem Ausland und falsche Freunde
Manche antiken Wörter erhielten ihre heutige Bedeutung aus einer anderen Sprache. ὑπουργός bedeutete „einen Dienst leistend“, ein Gehilfe (Hippokrates) oder Diener (Polybios). Heute ist υπουργός ein Minister, eine Bedeutung nach italienisch ministro und französisch ministre, dem Helfer des Königs. ἄτομος bedeutete „ungeschnitten, unteilbar“: άτομο als „Person“ folgt dem französischen individu, das Atom der Chemie dem französischen atome. Fachleute sprechen von einer Lehnbedeutung: Die Form ist griechisch, der neue Sinn importiert.
Wenn du Altgriechisch lernst oder von dort zum Neugriechischen wechselst, achte auf diese falschen Freunde:
- Bei Thukydides ist ἐκκλησία eine Versammlung, nie eine Kirche.
- In einer griechischen Zeitung ist υπουργός ein Minister, kein Gehilfe.
- Im Wetterbericht ist καιρός das Wetter; bei Pindar ist es der Augenblick zum Handeln.
- Bei Thukydides ist δουλεία Sklaverei; im Büro ist δουλειά einfach deine Arbeit.
- Bei Platon ist σχολή vor allem Muße, kann aber schon Gespräch bedeuten.
Am sichersten ist es, das Wort zweimal nachzuschlagen: im LSJ für den antiken Text und im Wörterbuch von Triantafyllidis für den heutigen Gebrauch, wo die Notiz am Ende jedes Eintrags seine Geschichte angibt.
Acht Wörter, damals und heute
| Altgriechisch | Griechisch heute | Bedeutung |
|---|---|---|
| Muße (heute: Fakultät) | ||
| Umzug (heute auch: Schande) | ||
| Privatperson, Laie | ||
| Versammlung (heute: Kirche) | ||
| Sklaverei (δουλειά heute: Arbeit) | ||
| Freude, Weihgabe (heute: Statue) | ||
| entscheidender Augenblick (heute auch: Wetter) | ||
| Gehilfe (heute: Minister) |
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