
Was ist eine Säulenordnung?
Eine Säule ist ein hoher Steinpfeiler, der ein Dach trägt. Im Altgriechischen hieß sie κίων. Heute sagen Griechen κίονας in einem Geschichtsbuch und κολόνα im Alltag.
Eine griechische Säule hat drei Teile:
- die Basis, den Fuß unten (manche Säulen haben keinen);
- den Schaft, den langen Körper, oft mit geraden Rillen, den Kanneluren, ραβδώσεις;
- das Kapitell, den breiteren Kopf, κιονόκρανο, der die schweren Steinbalken trägt.
Die Griechen bauten nach wenigen festen Stilen. Jeder Stil hatte seine eigene Säulenart, eigene Proportionen und eigenen Schmuck an den Balken darüber. Auf Deutsch nennt man so einen Stil eine Ordnung. Auf Griechisch heißt er ρυθμός, dasselbe Wort wie „Rhythmus“ in der Musik. Es gibt drei griechische Ordnungen: dorisch, ionisch und korinthisch. Am leichtesten erkennt man sie, wenn man zum Kapitell hinaufschaut.
Dorisch: kräftig und schlicht
Die dorische Ordnung, δωρικός ρυθμός, ist die älteste. Ihr Name kommt von den Dorern, einem der griechischen Stämme. Man verwendete sie im griechischen Mutterland und in den griechischen Städten in Süditalien und auf Sizilien. Fachleute meinen, dass ihre Formen von älteren Holzbauten stammen, die später in Stein nachgebaut wurden.
Eine dorische Säule ist dick und kräftig. Sie hat keine Basis: Sie steht direkt auf der obersten Stufe des Tempels. Ihr Kapitell ist ganz schlicht, wie ein rundes Kissen mit einer flachen, viereckigen Platte darauf.
Der berühmteste dorische Tempel ist der Parthenon auf der Akropolis von Athen. Er wurde zwischen 447 und 438 v. Chr. für die Göttin Athene gebaut, und seine Skulpturen wurden 432 v. Chr. fertig. Die Architekten waren Iktinos und Kallikrates, und der Bildhauer Phidias leitete die Arbeiten. Der Parthenon ist außen dorisch, hat innen aber auch einige ionische Teile.
Ionisch: schlank, mit Schnecken
Die ionische Ordnung, ιωνικός ρυθμός, ist nach den Ioniern benannt, Griechen, die an der Küste Kleinasiens (der heutigen Westtürkei) und auf den Inseln der Ägäis lebten. Dort standen einige ihrer größten Tempel, zum Beispiel der Tempel der Artemis in Ephesos.
Eine ionische Säule ist schlanker und leichter als eine dorische. Sie steht auf einer Basis aus steinernen Ringen. Ihr Kapitell ist leicht zu erkennen: Es hat zwei Spiralen, die sich links und rechts nach unten einrollen, wie eine Schriftrolle. Auf Griechisch heißen diese Spiralen έλικες; auf Deutsch sagt man Voluten oder Schnecken.
Der römische Architekt Vitruv, der ein Buch über Architektur schrieb, verglich die beiden Stile mit Menschen. Er sagte, die dorische Säule sei wie ein starker Mann und die ionische wie eine Frau, die Spiralen seien ihre Locken. Das ist sein Vergleich, keine Regel der griechischen Baumeister.
In Athen ist das Erechtheion auf der Akropolis ein ionischer Tempel. Es wurde zwischen 421 und 406 v. Chr. für Athene und Poseidon gebaut.
Korinthisch: ein Korb voller Blätter
Die korinthische Ordnung, κορινθιακός ρυθμός, ist die jüngste und die am reichsten geschmückte. Sie ist nach der Stadt Korinth benannt. Sie ähnelt der ionischen sehr: Der große Unterschied ist das Kapitell, das mit gemeißelten Blättern einer Pflanze namens Akanthus, άκανθος, bedeckt ist, mit kleinen Spiralen darüber.
Vitruv erzählt, wie sie entstanden sein soll. Ein junges Mädchen aus Korinth starb, und seine Amme stellte seine Lieblingssachen in einem Korb auf das Grab, mit einem Dachziegel darauf. Eine Akanthuspflanze wuchs um den Korb herum. Ein Bildhauer namens Kallimachos sah das und machte Kapitelle in dieser Form. Das ist eine schöne Legende, aber niemand kann sie beweisen.
Das älteste bisher gefundene korinthische Kapitell stand im Inneren des Apollontempels von Bassai, in den Bergen der Peloponnes, erbaut um 420–400 v. Chr. Zuerst verwendeten die Griechen korinthische Säulen vor allem im Inneren von Gebäuden. Später liebten die Römer diese Ordnung und setzten sie überall ein, zum Beispiel am riesigen Tempel des Olympischen Zeus in Athen. Die Römer fügten außerdem zwei eigene Ordnungen hinzu, die toskanische und die Kompositordnung.
Wichtige Daten
- 447–432 BCIn Athen wird der Parthenon gebaut, der bekannteste dorische Tempel.
- 421–406 BCAuf der Akropolis wird das ionische Erechtheion gebaut.
- 420–400 BCDer Tempel von Bassai erhält das älteste bisher gefundene korinthische Kapitell.
- 1859–1885Die Akademie von Athen wird gebaut, mit ionischen Säulen am Eingang.
- 1926Die Akademie von Athen wird gegründet und beginnt ihre Arbeit im Gebäude.
Acht Wörter, damals und heute
| Altgriechisch | Griechisch heute | Bedeutung |
|---|---|---|
| Säule (im Alltag κολόνα) | ||
| Kapitell, Säulenkopf | ||
| dorisch, der Dorer | ||
| ionisch, der Ionier | ||
| korinthisch, aus Korinth | ||
| Akanthus (Pflanze) | ||
| Volute, Spirale | ||
| Kannelur, Rille im Schaft |